
29 Dez. WARUM PERMANENTE SELBSTOPTIMIERUNG GEGEN DEINE NATUR ARBEITET
WARUM PERMANENTE SELBSTOPTIMIERUNG GEGEN DEINE NATUR ARBEITET
Der Glaube, wir müssten uns ständig regulieren, kontrollieren oder verbessern, schafft Distanz zu uns selbst.
Vor kurzem erzählte mir ein guter Freund etwas, das mich noch lange beschäftigt hat.
Seine Tochter – gesund, jung, sportlich – nahm einige Nahrungsergänzungsmitteln, weil sie „alles richtig machen“ wollte. Ihr Keratininwert im Blut war plötzlich so stark erhöht, dass ihr Onkel, der Arzt ist, eine ernste Erkrankung zunächst nicht ausschließen konnte. Die Sorge war groß.
Oftmals liegt ein erhöhter Kreatininwert jedoch an etwas völlig Harmlosen – zu wenig trinken, intensiver körperlicher Belastung oder, wie in diesem Fall, einem Nahrungsergänzungsmittel. Die Sorge war verständlich, doch tatsächlich war der Auslöser ganz banal.
Die Frage, die mich seitdem umtreibt, ist:
Warum nimmt eine gesunde Frau Präparate, die sie ganz offensichtlich überhaupt nicht braucht?
Meine Antwort:
Weil es in dem unüberschaubaren Dschungel aus Supplements, heißen Tipps und Quick-Fixes leicht ist, den eigenen Körper, die eigenen Bedürfnisse aus dem Blick zu verlieren. Vieles davon ist Marketing, das uns suggeriert, uns fehle etwas – einen Mangel, den es im Zweifelsfall gar nicht gibt. Oftmals unbemerkt, stecken wir schon mittendrin in der Selbstoptimierung.
Und genau hier beginnt das Missverständnis, das ich in meiner Arbeit mit Ayurveda auch beobachte: Ayurveda wird auch oft als Selbstoptimierungsprogramm verkauft, als würde uns die Ayurveda Konstitutionslehre, auch bekannt als „die Doshas“ oder „Ayurveda-Typen“ labeln und dann vorschreiben, wie wir alles richtig machen.
Im Ayurveda geht es darum, deine körperlichen und geistigen Bedürfnisse zu verstehen und entsprechend zu handeln – also, um die Nähe zu dir selbst.
Mit, statt gegen deine Natur arbeiten
Unser Körper ist ein intelligentes System. Er reagiert, gleicht aus, passt sich an – seit wir existieren. Diese natürliche Intelligenz geht verloren, wenn wir versuchen, jede körperliche Regung mit schnellen Lösungen und vermeintlichen Wundermittelchen zu steuern.
Dabei ist es intuitiv und logisch:
– Ist es kalt, wärmen wir uns.
– Sind wir überlastet, brauchen wir Ruhe.
– Wenn der Stoffwechsel schwankt, verlangt der Körper andere Nahrung und Gewohnheiten.
Fragen, die dir helfen können, zwischen Selbstoptimierung und gesunder Selbstwahrnehmung zu unterscheiden:
1. Habe ich Beschwerden, die mein Wohlbefinden immer wieder beeinträchtigen?
2. Woran mache ich meine Einschätzung fest: an Symptomen, an Vergleichen mit anderen oder an Empfehlungen von außen?
3. Habe ich meine Wahrnehmung im Zweifelsfall ärztlich überprüfen lassen – oder gehe ich von Annahmen aus?
4. Was ist mein eigentliches Anliegen: mehr Wohlbefinden – oder besser zu funktionieren, zu gefallen, mitzuhalten?
5. Braucht es wirklich ein „Mittel“ – oder könnte eine kleine Anpassung im Alltag ausreichen?
6. Und ganz ehrlich: Schafft mein Körper das vielleicht auch selbst zu regulieren, wenn ich ihm Raum dafür gebe?
Darum geht es im Ayurveda
Ayurveda lehrt uns seit über 2000 Jahren konsistent und differenziert, unsere innere Dynamik zu verstehen und uns den äußeren Gegebenheiten sinnvoll und naturgemäß anzupassen.
Die ayurvedische Konstitutionslehre liefert dafür den Bezugsrahmen – Wie?
Darauf gehe ich im nächsten Artikel ein.


